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Hamaruq
Der Hamaruq zählt zu den größten domestizierten Tieren Ariduns. Sein langgestreckter Körper ruht auf vier kräftigen, vergleichsweise kurzen Beinen und ist vollständig von einer dicken, unregelmäßig geschuppten Haut bedeckt. Der breite Kopf trägt eine kurze, bewegliche Greifschnauze, mit der das Tier Wurzeln, Zweige und Futterbündel aufnehmen kann. Seitlich aus dem Oberkiefer wächst sein auffälliges Stoßgeweih: graue, hornartige Fortsätze, die sich nach vorn erstrecken und mehrfach verzweigen. In ihrer Form erinnern sie an kahle, knorrige Gewächse, deren Äste sich zu beiden Seiten des Kopfes auffächern.
Besonders auffällig sind die großen Ohren des Hamaruq. Sie dienen der Regulierung seiner Körpertemperatur und können überschüssige Wärme außerordentlich schnell ableiten. Das zähe Leder junger und ausgewachsener Tiere weist Hitze ab und widersteht selbst offenem Feuer für erstaunlich lange Zeit. Nach entsprechender Gerbung wird es zu Schutzkleidung, Schmiedeschürzen, Hitzeschilden und feuerfesten Abdeckungen verarbeitet.
Diese Widerstandsfähigkeit bleibt jedoch nicht während des gesamten Lebens erhalten. Mit zunehmendem Alter verändert sich das Gewebe der Ohren, wird spröder und verliert allmählich seine außergewöhnliche Feuerfestigkeit. Wer einen Hamaruq besitzt, steht deshalb früher oder später vor einer wirtschaftlichen Entscheidung: Das Tier kann weiterhin über Jahre als wertvolles Zugtier eingesetzt werden, doch während dieser Zeit verliert sein Ohrenleder beständig an Wert. Werden ihm die Ohren hingegen rechtzeitig abgenommen, lässt sich das begehrte Material noch gewinnen – für das Tier bedeutet dies jedoch unweigerlich den Tod. Ohne seine Ohren kann ein Hamaruq die eigene Körperwärme nicht mehr ausreichend regulieren und verendet selbst bei geringer Belastung innerhalb kurzer Zeit an Überhitzung.
Hamaruq gelten deshalb nicht nur als Arbeitstiere, sondern auch als lebendes Kapital. Ihr Wert bemisst sich nicht allein an ihrer Kraft, sondern ebenso an ihrem Alter, ihrer Gesundheit und dem Zustand ihrer Ohren. Unter Händlern, Züchtern und Besitzern wird daher genau abgewogen, wie lange ein Tier noch eingesetzt werden soll und wann sein Leder wertvoller geworden ist als seine weitere Arbeitsleistung.
Freilebende Hamaruq sind in Aridun nicht bekannt. Alle heute existierenden Tiere stammen aus alten Zuchtlinien und werden von den verschiedenen Völkern Ariduns in domestizierten Herden gehalten. Ob irgendwo noch eine unentdeckte Wildpopulation existiert, ist ungewiss. Ebenso weiß niemand, von welcher ursprünglichen Wildform die heutigen Tiere abstammen oder wann ihre Zähmung begann. Bereits die ältesten verlässlichen Aufzeichnungen beschreiben den Hamaruq als Last-, Zug- und Zuchttier.
Ihre Haltung ist ausgesprochen kostspielig. Trotz ihres langsamen Stoffwechsels benötigen ausgewachsene Tiere große Mengen an trockenen Sträuchern, Rinde, Wurzelknollen und gepresstem Pflanzenfutter. Ihre Verdauung ist darauf ausgelegt, selbst harte und holzige Pflanzenteile zu verwerten, doch die schiere Größe der Tiere macht ihre Versorgung aufwendig. Nur wohlhabende Händlerhäuser, große Transportgemeinschaften, Herrscherhöfe oder bedeutende Zuchtbetriebe können größere Herden unterhalten.
Der Wasserbedarf eines Hamaruq ist für ein Tier seiner Größe vergleichsweise gering. Ein erheblicher Teil der benötigten Flüssigkeit wird über Wurzeln und wasserhaltige Pflanzen aufgenommen, während besondere Strukturen in den Nasengängen einen Teil der ausgeatmeten Feuchtigkeit zurückgewinnen. Arbeitstiere müssen dennoch regelmäßig getränkt werden, besonders wenn sie schwere Lasten unter großer Hitze bewegen.
Wie die Vorfahren der Hamaruq in freier Wildbahn größere Mengen Wasser aufgenommen haben, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Da keine verlässlich beobachteten Wildbestände bekannt sind, existieren weder Berichte über natürliche Tränken noch über Wanderungen zu offenen Wasserstellen. Manche Gelehrte vermuten, dass die ursprünglichen Herden verborgene Quellen oder unterirdische Wasservorkommen kannten. Andere glauben, dass ihre Anpassung an wasserhaltige Wurzeln einst weit stärker ausgeprägt war als bei den heutigen Zuchttieren.
Hamaruq sind ausgeprägte Herdentiere. Innerhalb einer vertrauten Gruppe zeigen sie sich ruhig, geduldig und überraschend fürsorglich. Sie suchen die Nähe anderer Tiere, halten beim Ruhen häufig Körperkontakt und reagieren deutlich auf die Trennung von langjährigen Herdengefährten. Gegenüber ihren Führern gelten sie als gutmütig und berechenbar, solange sie ruhig und mit der nötigen Vorsicht behandelt werden.
Diese Gelassenheit darf jedoch nicht mit Harmlosigkeit verwechselt werden. Wird ein Hamaruq gereizt, bedrängt oder in die Enge getrieben, kann seine Ruhe innerhalb weniger Augenblicke in rasende Gewalt umschlagen. Dann setzt das Tier seine gewaltige Masse und sein verzweigtes Stoßgeweih ohne erkennbare Zurückhaltung ein. Ein tobender Hamaruq ist nur schwer aufzuhalten und kann selbst schwere Fahrzeuge umwerfen oder ganze Gruppen auseinanderjagen.
Besonders empfindlich reagieren die Tiere auf grobe Berührungen an den Ohren. Werden diese zu fest gepackt, gezogen oder geschlagen, geraten selbst langjährig abgerichtete Hamaruq häufig in Panik oder blinde Wut. Erfahrene Tierführer berühren die Ohren daher nur mit flacher Hand, langsam und niemals ohne Vorwarnung. Viele vermeiden jede unnötige Berührung vollkommen.
Ihre größte Bedeutung besitzen die Hamaruq als Zugtiere. Ihre Kraft, Ausdauer und Trittsicherheit machen sie hervorragend geeignet, schwere Lastschlitten durch die trockenen Ebenen Ariduns zu ziehen. Solche Schlitten existieren sowohl als mächtige Frachtgefährte für Wasserfässer und Warenkisten als auch in leichteren Ausführungen für den Personentransport, die ähnlich einer Kutsche genutzt werden. Auf gut versorgten Handelsrouten kann ein einzelner Hamaruq Lasten bewegen, für die andernfalls ein ganzes Gespann kleinerer Tiere erforderlich wäre.
Diese Leistungsfähigkeit hat jedoch ihren Preis. Hamaruq erreichen erst nach ungefähr zwanzig Jahren die Geschlechtsreife, und ein weibliches Tier bringt gewöhnlich nur alle sechs bis acht Jahre ein einzelnes Junges zur Welt. Der Verlust eines Zucht- oder Arbeitstieres kann deshalb nicht kurzfristig ausgeglichen werden. Ganze Händlerhäuser rechnen ihren Bestand an Hamaruq nicht nur in Tieren, sondern in Generationen.
Wer einen Hamaruq besitzt, verfügt damit nicht bloß über ein Zugtier. Er besitzt jahrzehntelange Arbeitskraft, einen seltenen Zuchtwert und zugleich ein Gut, dessen wertvollster Bestandteil mit jedem weiteren Lebensjahr langsam verfällt.
