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Der Ritus des Alten Bodens

Der Ritus des Alten Bodens ist eine der großen Glaubensrichtungen Ariduns. Seine Anhänger verehren die Erde nicht als Göttin und auch nicht als gütige Spenderin des Lebens. Sie betrachten sie als das Gedächtnis der Welt. Der Wind zieht weiter und das Wasser wird verbraucht, doch der Boden bleibt. In ihm sammeln sich die Spuren all dessen, was auf ihm gelebt hat: Blut und Gebeine, Asche und Staub, aber auch die Erinnerungen, Gefühle und Erfahrungen der Verstorbenen. Nichts, was der Erde zurückgegeben wird, vergeht vollständig.

Nach dem Glauben des Alten Bodens nimmt jedes neue Leben einen Teil dieser vergangenen Spuren in sich auf. Dabei kehrt kein Verstorbener als dieselbe Person zurück. Die Erinnerungen lösen sich im Boden, vermischen sich mit denen anderer Leben und werden irgendwann in neuer Gestalt weitergetragen. Sie können sich als unerklärliche Gefühle, fremdartige Träume, instinktive Ängste oder eine tiefe Vertrautheit mit einem unbekannten Ort zeigen. Nur selten treten einzelne Bilder oder Erinnerungssplitter deutlicher hervor. Wem sie einst gehörten, lässt sich jedoch kaum mit Sicherheit bestimmen.

Die Kargheit Ariduns gilt innerhalb des Ritus nicht als Zeichen einer toten oder machtlosen Erde. Der Alte Boden ist verschlossen. Seit der Erschütterung der Welt bewahrt er die Spuren unzähliger Leben, kann sie unter den trockenen Bedingungen jedoch nur selten wieder hervorbringen. Wasser erschafft diese Erinnerungen nicht, doch es kann sie wecken und neues Leben aus dem Boden entstehen lassen. Was unter solchen Bedingungen wächst oder geboren wird, gilt daher als sichtbarer Beweis dafür, dass die Vergangenheit niemals vollständig verloren ist.

Der Ritus verspricht weder Schutz vor dem Tod noch die Rückkehr eines geliebten Wesens. Sein Trost liegt in der Gewissheit, dass kein Leben bedeutungslos endet. Alles hinterlässt etwas, das im Alten Boden bewahrt und eines Tages Teil von etwas Neuem wird. Zusammengefasst wird dieser Glaube häufig mit den Worten: Der Tropfen erhält. Der Wind bewegt. Der Boden bewahrt.

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