Silvan, der Versiegelte
Silvan, den die meisten nur als den Versiegelten kennen, ist das geistliche Oberhaupt des Kults des ersten Tropfens von Mons Vitalis. Seit Jahrzehnten hat niemand seine Lippen geöffnet gesehen. Tiefe Narben ziehen sich über Mund und Wangen, als hätte die Zeit selbst versucht, seine Stimme aus der Welt zu tilgen. Die Gläubigen glauben, sein Verzicht sei so vollkommen, dass selbst das Heilige Wasser ihn nicht mehr berühren müsse. Für viele ist er der lebende Beweis dafür, dass der Durst überwunden werden kann.
Trotz seines Schweigens besitzt Silvan eine Präsenz, die selbst die mächtigsten Männer des Reiches verstummen lässt. Seine Worte erklingen nicht in den Hallen des Tempels, sondern direkt im Geist der Zuhörer. Ruhig, klar und unausweichlich formen sich seine Gedanken in den Köpfen der Gläubigen, als wären sie nie gesprochen, sondern schon immer vorhanden gewesen.
Oft wird eine seiner bekanntesten Lehren zitiert:
„Wer Wasser begehrt, spricht mit dem Mund. Wer Wahrheit kennt, spricht mit dem Geist.“
Um seinen Hals trägt er einen Kristall in Form eines Wassertropfens. In seinem Inneren schweben einige wenige Tropfen Wasser, die sich langsam bewegen, als würden sie anderen Gesetzen folgen als die übrige Welt. Niemand weiß mit Sicherheit, was sie bedeuten. Manche behaupten, es seien die ersten Tropfen des Mons Vitalis. Andere glauben, dass das Schicksal der Stadt an ihnen hängt. Selbst unter den Priestern gibt es zahlreiche Deutungen, doch keine Gewissheit.
Während die Reges Aquae über die Verteilung des Wassers herrschen, wacht Silvan über dessen Bedeutung. Die Herrscher mögen bestimmen, wer trinken darf. Der Versiegelte bestimmt, was die Menschen darüber denken. Seine Lehren haben Generationen geprägt, und selbst jene, die seinen Glauben ablehnen, sprechen seinen Titel mit derselben Ehrfurcht aus wie seine Anhänger.
Denn in Mons Vitalis gibt es viele mächtige Männer.
Doch nur wenige, deren Stimme gehört wird, obwohl sie niemals sprechen.
