Mons Vitalis
Die Stadt Mons Vitalis schmiegt sich wie ein steinernes Halbmondreich an die gewaltigen Flanken des Berges, aus dessen Innerem das kostbarste Gut der Welt stammt: Wasser. Gelegen auf einem Plateau besitzt sie, anders als viele andere Städte, kein offenes Zentrum. Alles richtet sich stattdessen nach dem Berg selbst aus — nach seinem Schatten, seiner Kühle und der Nähe zu den Hallen der Herrscher.
Die ältesten Bezirke wurden direkt in den Fels geschlagen. Dort verlaufen breite Straßen zwischen mächtigen Säulenhallen, deren helle Steine selbst in der drückenden Hitze kühl wirken. Bögen und Reliefs ziehen sich über Fassaden und Mauern; Wellenmuster, Tropfensymbole und stilisierte Wasserlinien erinnern überall daran, wem diese Stadt ihre Existenz verdankt. Der Einfluss alter römischer Baukunst ist unübersehbar: monumentale Treppen, offene Plätze, hohe Säulengänge und gewaltige Hallen bestimmen das Bild der inneren Bezirke.
Je näher man dem Berg kommt, desto stiller wird die Stadt.
Der Schatten des Felsens hält die Luft dort kühler, und die Menschen bewegen sich langsamer, ruhiger, beinahe ehrfürchtig. Anders als in den äußeren Bezirken ist das Leben dort nicht vom täglichen Kampf ums Überleben bestimmt. Während außerhalb des Bergschattens jeder Tropfen Wasser über Arbeit, Hunger oder den nächsten Tag entscheidet, besitzen die Bewohner der inneren Viertel etwas, das andernorts selten geworden ist: Zeit.
Unter langen Säulengängen entstehen Gespräche über Politik, Glauben und Philosophie. Gelehrte verbringen ganze Nächte über alten Schriftrollen, beleuchtet vom warmen Schein bronzener Öllampen, während Priester und Beamte über Moral, Ordnung und die Bedeutung des Wassers debattieren. Je näher man dem Berg kommt, desto stärker scheint der Durst selbst in den Hintergrund zu treten — ersetzt von der Frage, was ein Mensch mit seinem Leben beginnt, wenn er nicht jeden Tag um dessen Fortbestand kämpfen muss.
Zwischen den steinernen Anwesen huschen Diener durch schattige Innenhöfe, schwere Stoffvorhänge ersetzen vielerorts Türen, und selbst die Stimmen der Menschen wirken gedämpft, als würde der Berg jedes laute Wort verschlucken. In diesen oberen Bezirken leben die reichen Händler, hohe Beamte und Priester des Wasserkultes. Ihre Häuser bestehen aus hellem Stein, umgeben von breiten Innenhöfen und hohen Mauern, die die Hitze der Welt fernhalten und den Schatten des Mons Vitalis bewahren
Tief im Inneren des Berges liegt der Thronsaal der Reges Aquae. Der Weg dorthin führt durch gewaltige Hallen aus hellem Stein, vorbei an endlosen Säulenreihen, in denen sich jedes Echo verliert. Dort sitzen Lucien und Cassor Aquilor auf ihren steinernen Thronen, während hinter ihnen ein gewaltiger Brunnen unaufhörlich Wasser durch schwarze und blaue Marmorrinnen fließen lässt. Für viele Besucher ist dieser Anblick verstörender als die Herrscher selbst. In einer Welt aus Staub und Durst wirkt offenes Wasser beinahe wie eine Machtdemonstration.
Und genau das ist es.
Weiter außerhalb beginnt der Schatten des Berges zu schwinden. Die Hitze wird unerbittlicher, die Straßen enger und staubiger. Zwar bleibt der Stil der inneren Bezirke noch erkennbar, doch der Glanz bröckelt. Zerbrochene Säulen dienen als Stützen für einfache Häuser, alte Steinplatten werden mehrfach wiederverwendet und aus einst prachtvollen Hallen wurden Märkte oder Lagerstätten. Schatten entsteht dort nicht mehr durch den Berg, sondern durch gespannte Tücher, zusammengenähte Stoffbahnen oder große Platten aus Metall, Knochen oder hellem Gestein, die zwischen den Häusern befestigt wurden.
Je weiter die Stadt nach außen wächst, desto kleiner und ärmer werden die Gebäude.
Die äußeren Viertel bestehen aus Lehm, Holzresten und geflickten Materialien. Staub liegt ständig in der Luft. Kinder schlafen unter Stoffdächern in schmalen Gassen, während Händler versuchen, ihre Waren vor der Sonne zu schützen. Viele Menschen dort verbringen einen Großteil ihres Tages damit, auf Wasser zu warten.
Überall in der Stadt stehen öffentliche Brunnen. Die meisten davon sind trocken.
Nur wenige führen tatsächlich Wasser, und an diesen Orten sammeln sich täglich lange Reihen von Menschen mit ihren Wassermarken in den Händen. Bewacht werden die Ausgabestellen von Soldaten der Reges Aquae und Priestern des Kultes des ersten Tropfens, die jede Marke prüfen und jede Ausgabe überwachen. Niemand erhält mehr als ihm zusteht. Nicht Händler. Nicht Bettler. Nicht Adlige.
Denn in dieser Stadt bedeutet Wasser nicht Leben.
Wasser bedeutet Macht.