Die Nacari

Die Nacari sind ein kleiner Stamm von Tabaxi, der seit Generationen zwischen den Felsen, Dünen und Handelswegen Ariduns lebt. Wer nach ihrer Heimat sucht, wird sie nur selten finden. Die Nacari besitzen keine Stadt, keinen Herrscher, keine Mauern und kein Banner. Und doch besitzen sie einen Ort, den sie Heimat nennen.

Irgendwo in den Hügeln nördlich der alten Stadt der Thri-Kreen soll sich ihr Lager befinden. Zumindest behaupten dies die meisten Reisenden. Niemand könnte auf einer Karte zeigen, wo genau es liegt. Nicht, weil das Lager ständig wandert, sondern weil man es nur findet, wenn die Nacari möchten, dass man es findet.

Zwischen Felsenschluchten, Dünenfeldern und uralten Steinformationen verborgen, besteht dort seit Generationen eine Gemeinschaft aus Familien, Jägern, Sammlern und Geschichtenerzählern. Das Lager selbst wirkt niemals dauerhaft. Es besteht aus Zelten, Höhlen, Felsspalten und einfachen Unterständen, die kommen und gehen wie die Menschen, die in ihnen leben. Neue Zelte entstehen, alte verschwinden. Kinder werden geboren, Älteste sterben. Doch das Lager bleibt bestehen – wie ein Herzschlag inmitten der Wüste.

Unter Händlern und Karawanenführern existieren unzählige Geschichten über die Nacari. Manche schwören, ihr verborgenes Lager mit eigenen Augen gesehen zu haben. Andere behaupten, wochenlang danach gesucht und niemals auch nur eine Spur gefunden zu haben. Es heißt, die Nacari würden vergessene Wege durch die Felsen kennen und Sand sowie Staub nutzen, um ihre Spuren zu verwischen. Manche erzählen, ganze Bereiche ihres Lagers könnten hinter natürlichen Sandschleiern verschwinden. Andere behaupten, die Schamanen des Stammes seien in der Lage, Dünen zu bewegen oder den Wind selbst auf ihre Seite zu rufen. Wieder andere schwören, man könne direkt an ihrem Lager vorbeigehen, ohne es jemals wahrzunehmen. Die Nacari selbst begegnen solchen Geschichten meist nur mit einem vielsagenden Grinsen.

Das Leben der Nacari ist hart. Viele von ihnen werden als Räuber geboren, nicht aus Bosheit, sondern weil Aridun ihnen nur selten eine andere Wahl lässt. Sie besitzen keine Wasserrechte und keinen festen Anspruch auf das Land, durch das sie ziehen. Die Wüste fordert ihren Tribut von jedem, der in ihr lebt. Karawanenüberfälle, Raubtiere, Krankheiten, Sandstürme und Durst begleiten die Nacari seit Generationen. Viele sterben jung.

Jedes Kind des Stammes wächst mit dem Wissen auf, dass das Leben kurz sein kann. Vielleicht ist dies der Grund, warum die Nacari oft mehr lachen als Jene, die zehnmal so viel besitzen. Unter ihnen sagt man: „Die Wüste fragt nicht, wer du warst. Nur, ob du morgen noch gehst.“

Kaum ein Lagerfeuer der Nacari bleibt lange still. Es wird gesungen, gespielt, gestritten und erzählt. Geschichten besitzen bei ihnen beinahe den Wert einer eigenen Währung. Ein guter Jäger genießt Respekt. Ein schneller Läufer ebenso. Doch wirklich erinnert werden jene, deren Geschichten noch Jahre später am Feuer weitererzählt werden.

Wenn eine Karawane Nahrung transportiert, sehen die Nacari Nahrung. Wenn eine Karawane Wasser transportiert, sehen sie Leben. Aus diesem Grund haben viele Händler gelernt, den Stamm zu fürchten. Und dennoch erzählen dieselben Händler gelegentlich Geschichten darüber, wie ein Nacari ihnen das Leben rettete.

Denn die Nacari folgen einer Regel, die älter sein soll als ihr verborgenes Lager selbst: Niemand soll verdursten müssen.

Diese Regel gilt für Stammesmitglieder. Sie gilt für Kinder. Sie gilt für Fremde. Oft sogar für Feinde. Nicht immer und nicht bedingungslos, aber häufig genug, um den Charakter des Stammes bis heute zu prägen.

Die Nacari wissen, dass diese Überzeugung töricht erscheinen kann. Sie wissen, dass Großzügigkeit bestraft werden kann und Hilfe nicht immer erwidert wird. Sie wissen, dass diese Haltung ihr eigenes Überleben gefährdet. Trotzdem halten sie an ihr fest. Nicht, weil sie glauben, die Welt sei gerecht, sondern weil sie überzeugt sind, dass Lebewesen mehr sein sollten als ihr Hunger und ihr Durst.

Für die Nacari besteht ein Unterschied zwischen Leben und Überleben. Überleben bedeutet, den nächsten Sonnenaufgang zu erreichen. Leben bedeutet, einen Grund zu haben, ihn sehen zu wollen.

Deshalb wird gesungen, selbst wenn die Vorräte knapp werden. Deshalb werden Geschichten erzählt, obwohl niemand weiß, ob morgen noch jemand da sein wird, um sie zu hören. Deshalb lachen die Nacari in Zeiten, in denen andere längst verstummt wären. Nicht weil sie die Härte der Welt ignorieren, sondern weil sie sich weigern, ihr das letzte Wort zu überlassen.

Viele Fremde halten sie deshalb für sorglos. Die Nacari selbst würden dem widersprechen. Sie kennen Hunger. Sie kennen Durst. Sie kennen Verlust. Gerade deshalb feiern sie jeden Grund zum Leben. Denn wer nur überlebt, hat die Wüste bereits ein Stück weit verloren.

Manche von ihnen sagen sogar: „Der Durst tötet den Körper. Hoffnung tötet er zuerst.“

Aus diesem Glauben heraus gelten zwei Vergehen als unverzeihlich. Das erste ist, einen Nacari wissentlich verdursten zu lassen. Das zweite ist, den Stamm für den eigenen Vorteil zu verraten. Wer eines dieser Verbrechen begeht, verliert seinen Platz am Feuer und wird verbannt.

Für viele Nacari ist dies schlimmer als der Tod.

Denn die Nacari sind kein Volk, das durch Mauern zusammengehalten wird. Nicht durch Gesetze. Nicht durch Blut. Sondern durch Geschichten, die nachts gemeinsam am Feuer erzählt werden.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie Aridun bis heute überdauert haben.