{{:voelker:voelker:zwerge.png?400|}} __**Die Zwerge**__ Die Zwerge Ariduns zählen zu den ältesten Völkern des Kontinents und sind weithin für ihre Fähigkeiten als Bergbauer, Schmiede und Steinmetze bekannt. Ihre Reiche liegen tief in den Gebirgen, wo sie seit Generationen die Schätze des Gesteins fördern und verarbeiten. Aus den Tiefen der Berge stammen Metalle, Edelsteine und Steinwerke, die in ganz Aridun geschätzt werden. Doch anders als viele Außenstehende glauben, hat dieser Reichtum die Zwerge niemals unabhängig gemacht. Wie alle Völker Ariduns sind auch sie auf Handel angewiesen. Karawanen durchqueren regelmäßig die Handelswege zwischen den Reichen. Aus den Savannen gelangen Leder, Horn, Fett und andere Erzeugnisse der orkischen Herden in die Zwergenstädte. Aus den Wäldern der Elfen erreichen Holz, Harze und kunstvoll gefertigte Holzwaren die Hallen der Bergreiche. Im Gegenzug verlassen Werkzeuge, Metallwaren und Steinprodukte die Zwergenreiche und finden ihren Weg in nahezu jeden Winkel des Kontinents. Trotz dieser weitreichenden Handelsbeziehungen bleibt eine Wahrheit bestehen, der sich selbst die stolzesten Zwergenfürsten nicht entziehen können: Ohne das Wasser aus Mons Vitalis würde keines ihrer Reiche lange überleben. So sind auch die Zwerge Teil jenes großen Geflechts aus Abhängigkeiten, das alle Völker Ariduns miteinander verbindet. Die Berge liefern Erz, die Savanne liefert Herden, die Wälder liefern Holz – doch das Wasser hält alles zusammen. Diese Abhängigkeit wird von vielen Zwergen widerwillig akzeptiert. Sie respektieren die Macht des Wassers, bewundern sie jedoch nicht. Für einen Zwerg ist Wasser eine Notwendigkeit des Augenblicks, während Stein die Ewigkeit verkörpert. Eine alte zwergische Weisheit bringt diese Sichtweise auf den Punkt: „Das Wasser hält dich heute am Leben. Der Stein hält deinen Namen tausend Jahre.“ Auch äußerlich unterscheiden sich die Zwerge Ariduns nur in einigen Punkten von den Zwergen anderer Länder. Sie sind klein, kräftig gebaut und von erstaunlicher Ausdauer. Breite Schultern, kräftige Arme und starke Hände zeugen von Generationen harter Arbeit in Minen, Werkstätten und Steinbrüchen. Die meisten Zwerge erreichen eine Größe zwischen einem Meter dreißig und einem Meter fünfzig, wirken durch ihren kompakten Körperbau jedoch oft größer und schwerer, als sie tatsächlich sind. Ihre Hautfarben unterscheiden sich kaum von denen anderer Völker und reichen von hell bis dunkel. Viele Zwerge verbringen einen Großteil ihres Lebens unter Tage, doch Bergarbeiter, Händler und Reisende, die regelmäßig die Oberfläche betreten, tragen nicht selten die Spuren der erbarmungslosen Sonne Ariduns. Gerötete Haut, vom Wind gezeichnete Gesichter und tiefe Lach- oder Sorgenfalten sind besonders bei älteren Zwergen keine Seltenheit. Haare und Bärte spielen im Alltag der Zwerge eine wichtige Rolle, jedoch aus anderen Gründen als bei vielen anderen Völkern. Sie gelten weder als Zeichen von Macht noch als Statussymbol. Ein langer Bart verschafft einem Zwerg weder Ansehen noch Autorität. Wie viele andere Dinge in ihrem Leben werden Haare und Bärte jedoch gepflegt, erhalten und nur selten grundlos verändert. Viele Zwerge tragen ihre Bärte über Jahrzehnte hinweg in denselben Flechtungen oder Mustern. Beschädigte Stellen werden ausgebessert, einzelne Strähnen neu eingeflochten und vertraute Formen beibehalten. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil Veränderungen nur selten als notwendig angesehen werden. Manche Zwerge flechten kleine Steinperlen, Metallstücke oder andere Erinnerungsstücke in Haar und Bart ein. Diese dienen weder der Zierde noch dem Schmuck. Vielmehr erinnern sie an Reisen, Bauwerke, Familienmitglieder oder andere Ereignisse, die dem Träger wichtig sind. Für Außenstehende wirkt dies oft wie eine seltsame Gewohnheit. Für die Zwerge selbst ist es lediglich ein weiterer Ausdruck ihrer tief verwurzelten Überzeugung, dass Dinge nicht leichtfertig aufgegeben werden sollten. Was erhalten werden kann, wird erhalten. Die Kleidung der Zwerge ist auf das Leben in Aridun abgestimmt. Leichte Stoffschichten, robuste Lederteile, Staubmäntel und Kopfbedeckungen zum Schutz vor Sonne und Sand sind weit verbreitet. Farben orientieren sich meist an den Tönen ihrer Umgebung: Ocker, Braun, Dunkelrot, Graublau und verschiedene Steinfarben prägen das Bild der Zwergenreiche. Besonders charakteristisch sind die sogenannten Steinmarken. Dabei handelt es sich um kleine, sorgfältig bearbeitete Steinplättchen, die häufig am Gürtel, an einer Halskette oder an Werkzeugen getragen werden. Jede Steinmarke besitzt eine Bedeutung. Manche erinnern an Familienmitglieder, andere an ein vollendetes Werk, ein gegebenes Versprechen oder ein bedeutendes Ereignis. Für Außenstehende wirken sie unscheinbar, doch für einen Zwerg stellen sie oft einen wertvolleren Besitz dar als Gold oder Edelsteine. Sie sind Erinnerungen, die bewahrt werden können – und damit etwas, das für einen Zwerg niemals verloren gehen darf. Diese Vorstellung prägt die gesamte zwergische Kultur. Zwerge bewahren Dinge. Werkzeuge werden repariert statt ersetzt. Gebäude werden erweitert statt abgerissen. Metall wird eingeschmolzen und erneut verarbeitet. Selbst alltägliche Gegenstände tragen oft die Spuren zahlreicher Ausbesserungen und Generationen von Besitzern. Verschwendung gilt als Zeichen von Kurzsichtigkeit und wird von vielen Zwergen beinahe als moralisches Versagen betrachtet. Was noch einen Nutzen erfüllen kann, wird erhalten. Was bewahrt werden kann, darf nicht verloren gehen. Aus dieser Haltung entstand eine der bedeutendsten Institutionen der Zwergenreiche: die Halle des Ewigen Steins. Tief in den Bergen verborgen liegt dieser gewaltige Komplex aus Hallen, Gängen und Kammern, der als heiligster Ort des zwergischen Volkes gilt. Die Wände der Halle sind mit unzähligen Inschriften bedeckt. Dort werden bedeutende Ereignisse, große Bauwerke, Entdeckungen, Verträge und Namen verewigt. Jede Generation fügt neue Einträge hinzu, während ältere sorgsam geschützt und erhalten werden. Für die Zwerge ist die Halle weit mehr als ein Archiv. Sie ist das Gedächtnis ihres Volkes. Manche Inschriften sind so alt, dass niemand mehr genau weiß, wer sie einst verfasst hat. Andere berichten von Ereignissen, die älter sind als die bekannten Reiche Ariduns. Viele Gelehrte vermuten, dass sich dort Hinweise auf die früheste Geschichte der Welt und vielleicht sogar auf den Ursprung ihrer Trockenheit befinden. Ob dies wahr ist, weiß kaum jemand außerhalb der Zwergenreiche. Die Hüter dieses Wissens werden Bewahrer genannt. Sie bilden einen eigenen Stand innerhalb der Gesellschaft und widmen ihr Leben der Aufgabe, Geschichte zu sammeln, zu prüfen und für kommende Generationen zu erhalten. Anders als Priester anderer Völker verehren sie keine Gottheit. Ihr Dienst gilt der Erinnerung. Sie sind die Hüter der Halle des Ewigen Steins und damit der Geschichte Ariduns selbst. Neben ihrer Rolle als Bewahrer von Wissen verfolgen die Zwerge seit Jahrhunderten ein weiteres Ziel, über das nie offen gesprochen wird. Tief unter den Gebirgen werden Stollen vorangetrieben, die nicht der Suche nach Erz dienen. Ihr Zweck ist die Suche nach einem Weg durch die Berge. Viele Zwerge sind überzeugt, dass jenseits der Gebirgsketten weitere Länder existieren müssen. Länder, die nicht von den gleichen Grenzen und Abhängigkeiten geprägt sind wie Aridun. Die Hoffnung, eines Tages einen solchen Durchbruch zu schaffen, wird von nahezu allen Zwergen geteilt und gehört zu den großen Träumen ihres Volkes. Weniger Einigkeit herrscht bei einer anderen Suche. Eine Gruppe von Gelehrten, Bergbaumeistern und Entdeckern glaubt, dass tief unter Aridun gewaltige Wasservorkommen verborgen liegen. Diese sogenannten Sucher der Tiefen bilden Expeditionen und treiben neue Tunnel voran, in der Hoffnung, eine Quelle zu finden, die die Abhängigkeit von Mons Vitalis beenden könnte. Für sie wäre eine solche Entdeckung die größte Errungenschaft der Zwergengeschichte. Viele Bewahrer und konservative Zwergengemeinschaften betrachten diese Suche jedoch mit Skepsis. Nicht, weil sie die Möglichkeit ausschließen, sondern weil sie den Preis sehen. Jeder Tunnel kostet Werkzeuge, Arbeitskraft, Nahrung und Zeit. Jede Expedition bindet Ressourcen, die auch für die Suche nach dem Weg durch die Berge genutzt werden könnten. Für ein Volk, das Verschwendung verachtet, ist dies ein schwerwiegender Vorwurf. So verläuft durch die Zwergenreiche ein stiller Konflikt. Nicht zwischen Herrschern und Rebellen, sondern zwischen zwei Vorstellungen von der Zukunft. Die einen glauben, dass die Freiheit ihres Volkes tief unter ihren Füßen verborgen liegt. Die anderen sind überzeugt, dass die Suche nach Wasser lediglich Zeit und Ressourcen verschwendet, die den Weg nach draußen verzögern. Bis heute konnte keine Seite die andere überzeugen. Trotz aller Unterschiede eint die Zwerge jedoch ein gemeinsamer Gedanke: Was einmal verloren geht, kann nie wieder vollständig zurückgeholt werden. Deshalb bewahren sie ihre Geschichte, ihre Werke und ihre Hoffnung mit derselben Hartnäckigkeit, mit der sie seit Generationen den Stein bearbeiten. Denn für die Zwerge Ariduns ist die Erinnerung ebenso wertvoll wie Gold und oft deutlich beständiger.